Mittwoch, 29. Februar 2012

Der Kampf gegen Läuse

Wer kennt nicht das paranoide Gefühl, dass alles plötzlich juckt, wenn einer in der Familie oder im Freundeskreis, kleine lebende Viecher auf seinem Kopf beherbergt? Asaf hat Läuse.. und zwar jede Menge. Das ist hier grad mein Dauerbrenner. Erst hat es seine Mom beim Haareschneiden entdeckt und einen Tag später die Mutter von drei anderen Kindern im Kindergarten. und (typisch israelisch?) gingen sofort die Wogen hoch: er muss nach Hause, er steckt alle an, aber woher hat er sie denn, wenn nicht vom Kindergarten, pass auf, dass du dich nicht ansteckst, alle Kinder müssen durchgecheckt werden etc.. Ich wusste nicht, dass Läuse so gut Charaktäre von Leuten offenbaren können. Meine ziemlich überarbeitete Gast-Mama hat sich, glaub ich, ziemlich von dem indirekten Vorwurf, nicht gut genug für ihre Kinder zu sorgen, angegriffen gefühlt und zurück geschossen. Ich kann sie allerdings nicht wirklich in Schutz nehmen, da noch längst nicht alle Maßnahmen im Kampf gegen Läuse ergriffen wurden. Aber bin ich da in der Position, ihr Ratschläge zu geben? oder: wie kann ich das machen, ohne dass sie denkt, ich würde ihr in den Rücken fallen?
Die Laus-Tragödie zeigt aber auch so gut, wie die Dinge hier laufen.. Der Papa scheint von dem allen herzlich wenig berührt zu sein, außer, dass er es ungerechtfertigt findet zu fordern, Asaf die Haare kürzer zu schneiden. Er ist in der Defensivhaltung und tut die weißen Punkte in Eitans Haare als Schuppen ab.. Also bleibt es an der Mom hängen, die Kids zu checken, die Haarkur jeden Tag bei Asaf und Ajahl anzuwenden usw.
Zu sehen, wie sie sich ziemlich allein abmüht ist etwas, das mich immer wieder bewegt. Ich versuch ihr zu helfen, und muss doch lernen, dass ich nicht in der Position stehe, etwas an den Strukturen zu ändern. Vielleicht leidet sie unter der vielen Arbeit auch weniger, als ich denke; vielleicht will sie das so? Vielleicht ist Hilfsbereitschaft und eine geteilte Verantwortung für das Familienleben etwas, das mir besonders wichtig ist, sie dagegen gar nicht so sehr vermisst?
Allerdings ist sie für meine Hilfe auch immer wieder dankbar. So kämme ich Asaf hier und da auch mal die Nissen aus den Haaren (wenn er mich lässt..) und sieh dabei zu, dass ich selbst unbeschadet davon komme.

Mich abzugrenzen ist generell etwas, das ich gerade lerne. Am Freitag hat mir Liat, die Kindergärtnerin ziemlich energisch zugeredet, dass ich unbedingt zur Jugend der Gemeinde gehen muss, auch wenn dann der Daddy den Laden allein schmeißen muss, da die Mom arbeitet. Tatsächlich war es von seiten meiner Gasteltern  überhaupt kein Problem zu gehen und ich hatte einen wundervollen Abend dort. Seitdem hat es ziemlich geklickt in meinem Kopf, dass ich inmitten der vielen Arbeit auch für mich zu sorgen hab. Ich nutze nun mehr und mehr Gelegenheiten, mich während des Tages in mein Zimmer zurückzuziehen, wenn es grad nichts zu tun gibt; oder auch einfach super strikt und hart "nein" zu den Jungs zu sagen. Ich glaub, es tut uns allen im Endeffekt besser, als um Fassung ringend irgendetwas mit den Jungs anzustellen.
Um meine Fassung ringe ich nämlich so manches Mal. Oftmals sind es nur so "Kleinigkeiten", die mich total aufregen, wie z.B., solche Szenen: Ilanit redet einen der 3 Schuljungs gut zu, seine Hausaufgaben zu machen; sitz neben ihm; steht für Fragen zur Verfügung; versucht es mit Belohnung, mit Strafandrohungen; aber er sitzt einfach nur da und jammert, dass er es nicht könnte. Doch plötzlich tönt ein lauten "Dai!" ("Hör auf!") durch den Raum, allerdings nicht von der Mom, sondern zu ihr. Ich weiß auch nicht, ob ich da zu konservativ bin, aber das ist für mich ein No-Go, was ich mir nicht gefallen lassen wollen würde. Dass es ihr auch nicht gefällt, kann ich mir denken, aber es folgt keine Reaktion darauf..
Das stellt sich dann aber auch als meine Schwierigkeit heraus: da schon die Eltern so behandelt werden, ist es für mich echt schwer, mir meinen Stand zu erobern. oder zu erarbeiten? Ich merk jedenfalls jetzt schon, dass ich das einfach nicht aushalte und für mich klarere Grenzen ziehen muss; wie auch immer diese aussehen mögen.

Also, ich stecke hier tief im Ein-Mal-Eins der Kindererziehung, allerdings auf echt hohem Niveau, da ich die ersten 12 Jahre noch nicht mitbekommen hab.
Und in dem allen gibt es natürlich auch immer wieder schöne Alltags-Highlights, wie zum Beispiel, dass Asaf gestern zum ersten Mal ohne Stützräder Fahrrad gefahren ist =)
Oder mein Sonntagspaziergang durch die Felder rings um mein kleines Dorf hier =) Oder Eitan, wie er ankommt, um Gute Nacht zu sagen oder der morgendliche (allerdings leider etwas erfolglose) Kampf Elad aus dem Bett zu kriegen. Bei der Schlacht um sein Kissen und Bettdecke lachen wir viel zusammen.. nur leider steht er dann trotzdem nicht auf... =P
Oder zu sehen, wie Gott treu ist und finanziell versorgt!

Apropos Gott.. hier kann man viel menschliches sehen und es ist aufschlussreich, es auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch zu übertragen:
Vor ein paar Tagen wollte Asaf nicht zum Mittagessen kommen und rannte stattdessen mit einer Schale ungeschälter Sonnenblumenkernen durchs Haus. Im Kopfkino sah ich schon die ausgespukten Schalen überall rumliegen und malte mir aus, welcher Künste es wohl bedarf, ihn zum Tisch zu bekommen. Doch er sprang fröhlich ohne jedes schlechte Gewissen herum und sang dabei "Halleluja" in allen möglichen kreativen Weisen. und ich dachte mir nur "halt den Mund und komm her.. wenn du Gott preisen willst, kannst du es in deinen Taten tun!" Doch wieviel anders Gott doch ist. Wir stellen so viel Mist an und bemerken, geschweige denn bereuen es noch nicht mal, obwohl es unseren Himmlischen Vater verletzt und Mühe macht. Und er ist so gnädig und gewährt uns trotzdem, dass wir ihn preisen dürfen. Dass wir überhaupt seinen Namen in den Mund nehmen dürfen.
und ihn zu loben ist auch einfach nur so ein großes Privileg, das ich jeden Tag genießen möchte. =)
ihr auch?

schalom, eure Rivka

Mittwoch, 22. Februar 2012

ah- Hallo alle zusammen!

Schalom liebe Freunde!

Da denkt man, dass man hier generell mehr Zeit hat, aber Pusteblume, zum Blog schreiben kommt man deswegen trotzdem nicht automatisch.
Aber mir geht es gut hier. Ich bin ja jetzt schon 2 Wochen hier und leb mich gut ein. Meine Hinreise war etwas abenteuerlich und wundersam, aber total gut  =) Nach einem langen Reisetag wurde ich richtig herzlich in meiner Gastfamilie aufgenommen. Der Papa Alan ist Brite und somit können hier auch alle gut English sprechen. Ilanit ist Israelin, Mutter von 4 Jungs und arbeitet als Krankenschwester  der Station, wo die  Mütter ihre Babys bekommen. Also, so eine Art Hebamme. Ihr unregelmäßiger Schichtdienst ist eine Herausforderung für meine Gastfamilie, besonders, da der Vater auch arbeitet. Somit werde ich als Nanny am Nachmittag öfter mal wirklich gebraucht.
seltener Anblick: Ilanit gönnt sich 5 Minuten Ruhe

Diese zwei machen alles ihnen mögliche, um mir eine schöne Zeit hier zu bereiten. Es macht Spaß, mit ihnen Hand in Hand zu arbeiten und das Alltagsleben mit ihnen zu teilen.
Meine neuen 4 kleineren Brüder sind echt speziell. Eitan (fast 12) ist energiegeladen, ein hervorragender Moderator und Schauspieler, spielt Trompete und liest gern. Mit ihm komm ich ganz gut aus, solange ich ihn nicht zurechtweisen will/muss =P
Elad (10) war lange Zeit das Sorgenkind der Familie, weil er aufgrund von ADS sich ziemlich schwer tut, irgendetwas für die Schule zu machen. Mit ihm würde ich richtig gern so eine Art Nachhilfeunterricht täglich machen; mal schauen, wie das so gehen würde. Aber das beschreibt ihn ja überhaupt nicht. Er ist ziemlich sensibel, sehr humorvoll und hat ein richtig freundliches Wesen.


vielleicht giftige Raupen.. by Ajahl
Ajahl (6) ist ein total angenehmer und unkomplizierter Kerl. Er spielt sehr viel mit sich selbst und versinkt schnell in irgendwelche Fantasiewelten, von denen man nur das Gebrabbel der handelnden Charaktäre und die Soundeffekte hört. Das ist immer wieder total lustig, ihm dabei heimlich zuzuschauen. Nein, das soll sich überhaupt nicht abwertend anhören; ich hab ihn echt gern. Er liebt es zu singen und Gitarre zu spielen. Ich hab vor, mich manchmal  mit ihm hinzusetzten und paar Songs zu spielen und zu singen. Außerdem ist er mein Fotograph, da er einen so guten Blick für Details hat. Mit ihm in der Natur unterwegs zu sein, eröffnet einen eine ganz neue Vielfalt.
Und außerdem gibt es Asaf (4). Er passt ganz gut in das typische Bild des Kleinsten in der Familie: er hat einen Sturkopf, will viel und bekommt viel, nervt gern seine älteren Geschwister und ist trotzdem der von allen geliebte Schatz. Er ist auch einfach herrlich. Er liebt Autos, Trucks, Werkzeug, Waffen und Filme, scheut kein Risiko und spielt vorzugsweise an den Orten, wo ich immer ein mulmiges Gefühl im Bauch kriege. Mit ihm verbring ich die meiste Zeit am Tag, da ich mit ihm im Kindergarten bin.
Asafi

Der Kindergarten gehört zu der messianischen Gemeinde hier vor Ort. Noch haben wir 13 Kinder dort, aber ab Anfang März werden es 16 sein. Kurz bevor ich gekommen bin, ist dort die zweite Erzieherin kurzfristig in Babypause gegangen, da sie zwei Pflegekinder aufgenommen hat. Nun ist dort nur noch Liat als eigentliche Erzieherin, die bisher von einer anderen amerikanischen Voluntärin unterstützt wurde. Sie verlässt uns allerdings am Ende dieser Woche und von da an wird es wirklich spannend im "Gan". Liat ist eine typische Israelin: ziemlich freundlich-bestimmt und streng nach außen hin, aber mit einem Herzen aus Gold. Im Kindergarten lern ich Stück für Stück Hebräisch, da ich mit den Kids nur Hebräisch reden darf. Liat ist nicht nur eine gute Chefin, sondern auch meine persönliche Sprachlehrerin, für die ich sehr dankbar bin.
Ja, und auch sonst gefällt mir der Kindergarten echt gut. Es rattert auch da in meinem Kopf, was ich da noch einbringen kann, welche Ideen umsetzbar sind und wie ich ein Hilfe sein kann. Besonders das Basteln mit den Kids und die Vorschulübungen mit den Größeren mag ich sehr und es macht immer wieder Spaß, Mini-Gespräche mit den Kids  zu führen.

Oha, nach der Mini-Einführung in mein Leben hier hoffe ich, euch nun etwas regelmäßiger über meine Abenteuer hier auf den laufenden zu halten. Es gibt hier immer wieder total viel zu erleben: letztes Wochenende hab ich Ruth in Jerusalem besucht und das war unheimlich schön!

Auch hier merke ich, wie ich jede Unterstützung brauche und bin total dankbar für alle Gebete. Ich brauche viel Weisheit, Geduld und Liebe für den Umgang mit den Jungs, denn manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Folgen der Super Nanny geschaut =P als ob das was helfen würde
Ich werd mir hier über meine eigene Erziehung bewusst und schätze sie immer mehr. Ich finde keinen passenden Ausdruck im deutschen für "discipline your child". Jedenfalls ist das etwas, das ich hier sehr lerne: wie wir, ich im besonderen uns oft Gott gegenüber wie kleine dumme Kinder verhalten und ihm einfach nicht zuhören und folgen wollen und dann uns über die Folgen wundern. Im Ungang mit Kids sehe ich ganz neu, was für ein wunderbarer Gott eigentlich ist und wie großartig Er für seine Kinder sorgt und wie wichtig Vertrauen und gehorsam sind. Also, hier gibt es für mich ganz abgesehen von der Sprache jede Menge zu lernen und ich bin dankbar für diese Gelegenheiten . Wie geht es euch so im kalten Deutschlannd
  bis bald mal wieder, eure Rivka